Beim Campen gibt es nichts Schöneres als vor dem Bus zu sitzen, aufs Meer zu schauen und die Sonne untergehen zu sehen. Wellenrauschen, Vogelgezwitscher, wenn man Glück hat ein paar Delfine. Die untergehende Sonne überzieht den Himmel mit leuchtendem Rot und melancholischer Ruhe.

In so einem Moment des einfachen Seins, während meine Gedanken auf den Wellen reiten, durcheinander gewirbelt werden und sich in der Weite verlieren, stellt Chris die zentrale Frage: „Wie weit ist es eigentlich bis zum Horizont?“

Die Insel der 10.000 Kurven

Andi, Pauli und Campingplatzinhaber Antoine haben uns nach unserer Bruchlandung wieder auf Kurs gebracht (zum Nachlesen: Teil 1: Korsika – oder wie es ist mit dem alten Bulli unterwegs zu sein). Jetzt sind wir bereit für die nächsten Kurven. Vorbei an Ajaccio über die imposante Bergwelt La Cirnaca, überschäumende Wellen am Golfe di a Liscia, leckere Süßigkeiten in den kleinen Bergdörfern Tiuccia, Sagone, Cargèse, über den Wolken bei Piana – grandioses Panorama und Weitsicht ohne Ende.

 

Landschaftliches Highlight ist die Calanche. Wir sind früh genug dran und dürfen die beeindruckenden Felsformationen fast alleine genießen. In den märchenhaften Gebilden formen die Augen angeblich vertraute Figuren – unsere irgendwie nicht. Aber auch ohne visuelle Einbildung sind wir von den spitzen, rostbraunen Felsen begeistert. (Achtung: in der Hauptsaison stecken hier Reisebusse und große Wohnmobile fest.)

Richtung Calvi sind es noch einmal gefühlte 2.000 Kurven – hinter jeder Kurve kommt ein neues Highlight, jede Aussicht ist noch besser als die Vorherige. Ständig verändert sich die Landschaft – rote Felsen, grüner Dschungel, schwarze Strände, karge Wüste. Am Ende des Tages sind wir völlig geplättet – und unsere Bauchmuskeln sind nach den vielen Kurven tot. Bis dahin ist mir nie aufgefallen, wie sehr das Bulli-Fahren die Bauchmuskeln beansprucht.

Schnorcheln, Zugfahren und Bioggia

Die Campingplätze auf Korsika zählen nicht zu den Highlights. Oft weit hinter dem Strand, ohne Aussicht und kurz vor Saisonende lieblos verwahrlost. Einige Kilometer vor I´le Rousse finden wir doch noch ein idyllisches Plätzchen, wo wir wieder stundenlang ins Meer schauen können. Das Warmwasser ist ausgefallen, aber duschen ist ohnehin überbewertet 😉

Über einen kleinen Bahnübergang gelangt man in eine Karibik-Bucht mit feinstem Sandstrand. In der Sonne braten, schnorcheln, dösen, schwimmen, die Füße in den Sand stecken, lesen, in die Luft schauen … hier vergessen wir die Zeit. Jeden Abend, wenn die Sonne ins Meer eintaucht, rätseln wir wie weit es wirklich bis zu der feinen Linie zwischen Meer und Himmel ist – 10 Kilometer, 20 oder doch viel weiter?

Mit dem Zug sind wir in ein paar Minuten im kleinen Dörfchen I´le Rousse – einfach dem Zugfahrer winken, dann bleibt er stehen. Die Strecke führt direkt entlang der Küste – alleine des herrlichen Panoramas wegen ist eine Zugfahrt unbedingt zu empfehlen. Am Ende wartet ein nostalgisches Bahnhofshäuschen. Zu Fuß ist das Dorf in ca. 40 Minuten zu erreichen. Wichtig ist es aber auch hier den Zugfahrplan zu kennen, denn an einer Stelle führt der Weg ein paar hundert Meter über die einspurigen Gleise – zum Ausweichen ist der Abstand zu den hohen Felswänden zu gering. Wir wissen den Fahrplan natürlich nicht und laufen die Strecke sicherheitshalb mit Oxi unter dem Arm – auch eine Möglichkeit für einen kleinen Adrenalinschub 😉

Heute steht I´le Rousse ganz im Zeichen des klassischen Sport des Südens: Boccia. An jedem freien Platz wird gespielt – auf der Wiese neben dem Hafen bekommen Kinder eine Einschulung von ihren Vätern, die Alten spielen vor der Kirche unter schattigen Palmen, am Hauptplatz wird ein Turnier vorbereitet. Wir beobachten das gemütliche, aber durchaus emotionale Treiben – wie konzentriert die Kugeln geworfen werden, millimetergenau vermessen und dementsprechend gelacht oder geflucht wird.  Mit den „echten“ Bocciaregeln im Gepäck fahren wir wieder mit dem Zug zurück zum Campingplatz.

Mit freunden zurück nach hause

Andi und Pauli stoßen wieder zu uns und wir beschließen die letzte Woche gemeinsam zu verbringen. Ziemlich ungewohnt hinter einem Bus herzufahren und jedes Bedürfnis nach Pause, Aussicht, Foto oder Essen abzusprechen. Wir ticken zum Glück ähnlich und es ist doch sehr bereichernd, sich mit anderen auszutauschen. Gut zu wissen, dass andere Camperpärchen dieselben Themen beschäftigen – zum Beispiel die unterschiedlichen (Un-)Ordnungen im Bus. Oder das schlechte Gewissen am nächtlichen Toilettengang – gegenüber dem Partner, der uns in der Dunkelheit begleiten muss, und gegenüber den Nachbarn, die von der lauten Schiebetür, allgemein bekannt als der Schrecken des Campingplatzes, geweckt werden. Oder die Frage, wie sehr der Bus bei partnerschaftlichen Vergnügungen wackelt – und ob man die hübsche Lichterkette doch nicht aufs Dachzelt hängt 😉

Heimfahrblues

Schweren Herzens lassen wir die traumhaften Sonnenuntergänge hinter uns. Über die Berge geht es zurück in den Osten, mit jedem Kilometer rückt der gefürchtete Heimfahrblues näher. Etwa eine Fahrstunde unterhalb von Bastia schlagen wir noch einmal unsere Dachzelte auf – auf einem charmanten Campingplatz eines jungen Paares (Camping Calamar), das ein herrlich entspanntes Lebensgefühl versprüht.

Hier fahren wir noch einmal alles auf, was sich in den Bussen findet, Hängematten, Luftmatratze, Schlauchboot, Angel, Boccia-Spiel und das letzte Polaroid-Bild. Wir kochen um die Wette, Andi und Pauli zaubern ein leckeres Eierspeis-Avocado-Frühstück auf den Tisch, von uns gibt es Hühnercurry zum Dinner. Beim Abwasch genießen wir dank der gut durchdachten Infrastruktur die Aussicht auf das Meer.

Am Ende erwischt uns doch noch der Heimfahrblues. Während wir beobachten, wie hunderte Autos vor uns in die Fähre gelotst werden, hoffen wir, dass für uns kein Platz mehr ist. Neben uns wartet ein pensioniertes Pärchen, das seinen Land Rover nach Asien verschifft. Zwei Jahren nehmen sie sich für ihre Weltreise. Wir wären jetzt auch bereit für die nächste Insel – geben uns für heuer aber auch damit zufrieden den Sommer richtig ausgekostet zu haben.

Ahja – und wie weit ist es jetzt bis zum Horizont? 4,7 Kilometer.

Was sind eure Erfahrungen auf Korsika? Verratet ihr uns eure Geheimtipps?  Wir freuen uns auf eure Kommentare!

Weiterlesen:

Teil 1:  Korsika – oder wie es ist, mit dem alten Bulli unterwegs zu sein

Claudia


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